16. Mai 2018

flaggen




als reiche
eine nicht
am mast
schatten
zu werfen
aufs land

drei
wehen
für
unsicherheit
ohne jeden
wind


© schneewanderer



maispatzen




erste ihr
die lautesten
jede feder
eine note
und immer
morgens
und immer
öfter
vermisse ich
den dirigenten


© schneewanderer


24. April 2018

nachzügler




die höchste lebenswerwartung
hier in deinem garten
der löwenzahn

der messer sind genug
den frühling
kurz zu halten


© schneewanderer



flagge





nein
du bist nicht
angekommen

ein mast im garten
schwarz-rot-gold
weit über
den gartenzwergen

nein
heimat
fängt
irgendwo
anders
an



© schneewanderer



3. April 2018

specht




auch dir
der garten
die gabe
mich ins staunen
zu versetzen

komm wieder
irgend wann
bis dahin
treibe ich
wurzeln
werde alt
bin gestorben

aber deine farben
hacken mir
ein lächeln
in die rinde
dann


© schneewanderer



wortbruch III




guten morgen wort
wird es unser tag?

wird einer
den anderen
vermissen
während wir
schweigen?

bleiben wir uns fremd
wie immer
bis eine fingerspitze
die andere berührt


© schneewanderer



29. März 2018

kein wunder




nach über vierzig jahren fragten sie ihn noch einmal: glauben sie an wunder?
wieder dieser starrsinn, dieser enge und einsame blick auf die wahrheit als antwort.

gegenüber wirkte einer, verwirkte diese wahrheit. obwohl sie an ihn glaubten, wie ertrinkende - schon lange ans ufer gespült.
er wurde heiler genannt, am wochenende spuckten die busse seine jünger zu dutzenden aus. nein, kein spuk. der uriniert nicht
in die vorgärten, kotet nicht in die beete. wir nachbarskinder durften entsorgen was übrig blieb vom traum, was ihm voraus ging.

lange danach war einer auf der suche nach seinem vater: lächelte mindestens einmal zuviel als von ihm berichtet wurde.
vielleicht weil er ihn nie kannte, vielleicht weil dieses lächeln den blick ersparte: den genauen, den klaren.

mit dreizehn hat man diesen blick noch, ich war dreizehn damals.
sah ihn davon rennen den heiler durch den garten meiner großmutter.
sah die todkranken kinder vorher, die alten und die jungen.

mein vater lief nicht davon, mußte nie nach ihm suchen.
darum mein lächeln über wunder, mein zorn darüber.


Mensch Leute
Mein Vater, der Wunderheiler
Sendung des SWR vom 26.03.2018


© schneewanderer